| Wasserkraftwerk |
Das Kraftwerk Mühlhausen an der EnzVon Prof. W. Eberhardt, Stuttgart. Im Jahre 1909 schloß sich eine größere Anzahl Gemeinden der württembergischen Oberämter Maulbronn, Vaihingen, Leonberg und Brackenheim zum Zweck gemeinsamer Versorgung mit elektrischer Energie zu einem Verbande zusammen. Der Verband erbaute in den Jahren 1910/11 eine Wasserkraftanlage an der Enz bei Enzberg, und dieses Werk gab ihm den Namen „Gemeindeverband Elektrizitätswerk Enzberg“. Die Entwicklung des Überlandwerkes war so günstig, daß die verhältnismäßig kleine Wasserkraftanlage mit einer Ausbauwassermenge von 12 m³/Sek. und 4,10 m Gefälle zusammen mit einer 200 PS-Dieselmotorenanlage den Strombedarf von 27 Gemeinden der genannten württembergischen Oberämter und von mehreren Gemeinden des badischen Bezirksamts Pforzheim nicht mehr decken konnte. Die Aufstellung eines weiteren Dieselmotors mit einer Leistung von 1000 PS verschaffte zwar eine vorübergehende Sicherheit, doch sah sich der Gemeindeverband gezwungen, sich nach einer weiteren Energiequelle umzusehen. Diese bot sich in der unausgenutzten Wasserkraft an der Enzschleife bei Mühlhausen, etwa 12 km unterhalb der württemb.-badischen Landesgrenze dar. Durch Abschneiden dieser Schleife konnte ein Nutzgefälle von rd. 7 m gewonnen werden. Der Durchführung des Planes standen zunächst nicht unerhebliche Schwierigkeiten entgegen. An der Schleife wurden bereits drei Nutzungsrechte für den Betrieb einer Getreidemühle, einer Sägemühle und einer Ölmühle ausgeübt. Ferner erhob die Gemeinde Mühlhausen wegen der befürchteten Trockenlegung des Flusses Einsprache gegen das Unternehmen.
Die an dem gemeinschaftlischen alten Wehr von Mühlhausen gelegenen drei Mühlen nutzten nur verhältnismäßig kleine Wassermengen mit Gefällen von 1,2 bis 1,3 m aus. Die Sägemühle konnte von dem Verbande günstig käuflich erworben werden, während bei den beiden andern Mühlen nach langwierigen Verhandlungen eine gütliche Ablösung der Wassernutzungsrechte durch unentgeltliche Stromlieferung auf 70 bezw. 99 Jahre zustande kam. Wenn diese Verhandlungen zu keiner Einigung geführt hätten, so wäre die nach dem württemb. Wassergesetz mögliche zwangsweise Entziehung der bestehenden Nutzungsrechte zur Anwendung gekommen. Das württemb. Wassergesetz bestimmt in Art. 63, daß zugunsten der Ausführung von neuen Wasserbenutzungsanlagen auf Antrag die Entziehung eines einem Dritten zustehenden besonderen Wassernutzungsrechts gegen vorgängige, volle von dem Antragsteller zu leistende Entschädigung im Verwaltungswege verfügt werden kann, wenn Das neue Werk war zur Versorgung einer großen Anzahl von Gemeinden mit der unentbehrlichen elektrischen Energie bestimmt, es waren daher im vorliegenden Falle die in den drei Punkten verlangten Voraussetzungen für die Durchführung der Zwangsenteignung gegeben. Bei dieser Enteignung hätte die Entschädigung nach den Bestimmungen des Gesetzes nur in Geld geschehen können. Durch die gütliche Einigung konnten sich die beiden Mühlenbesitzer den in der Zeit der Geldentwertung besonders wichtigen Vorteil der Ablösung durch Stromlieferung verschaffen. Für den Verband stellte diese Lieferung nur einen recht kleinen Bruchteil der gewonnenen Energie dar. Die Wässerungsrechte auf den Markungen Mühlhausen und Roßwag blieben in vollem Umfange bestehen. Doch wurden durch die neue Werkanlage Änderungen an der Wasserzuführung nötig, deren Durchführung Sache des Verbandes war. Auf der Markung Mühlhausen mußte zu diesem Zweck ein neuer, etwa 600 m langer Zubringergraben angelegt und für die Wässerung Roßwag eine Dückerleitung von dem Werkoberwasser nach dem linken Enzufer gebaut werden. Um der früheren Wasservergeudung entgegenzutreten, wurde mit den beiden Gemeinden ein nach den Plänen des Kulturbauamts durchzuführender Umbau der gesamten, umfangreichen Bewässungseinrichtungen vereinbart, wobei der Verband einen hälftigen Baukostenbeitrag zusicherte. Der Gemeinde Mühlhausen brachte die neue Anlage den Vorteil, daß durch die Beseitigung des alten festen Mühlwehres die Hochwasserabflußverhältnisse für den unter häufigen Überschwemmungen leidenden Ort wesentlich verbessert werden konnten. Die Einsprache dieser Gemeinde gegen das Unternehmen wurde nach einer Vereinbarung, in der sich der Verband unter anderem zur Leistung eines wesentlichen Beitrages zu den Kosten des Baues einer Trinkwasserversorgungsanlage verpflichtete, ebenfalls zurückgenommen. Auf diese Weise gelang es, daß die wasserpolizeiliche Verleihung des Nutzungsrechtes und die Genehmigung der Anlage gerade noch einen Tag vor der Inbetriebnahme des Werkes erteilt werden konnten. In Württemberg ist die Möglichkeit zur Gewinnung sehr großer Wasserkräfte infolge der geographischen Verhältnisse nicht gegeben. Die beiden Nachbarländer Bayern und Baden sind hierin von der Natur mehr begünstigt. Dennoch setzte in den etwas bescheidenen württembergischen Verhältnissen sofort nach dem Kriege eine rege Tätigkeit ein, um die noch verfügbaren Wasserkräfte der Volkswirtschaft zuzuführen. Aus der Reihe von Anlagen, die in rascher Folge, insbesondere von den das ganze Land überspannenden Elektrizitätsversorgungsverbänden an der Iller, der Donau und dem Neckar errichtet wurden, gehört das Kraftwerk Mühlhausen wegen seiner außerordentlich günstigen Lage zu den bemerkenswertesten. In einer fast 4 km langen Schleife umschließt die aus dem Schwarzwald kommende Enz einen an der schmalsten Stelle nur etwa 250 m breiten Höhenrücken. Die Bodenerhebung konnte durch einen nur 135 m langen Stollen und zwei kurze offene Ober- und Unterkanäle durchschnitten werden. Das Stauwehr erhielt zwei je 12 m weite, 3 m hohe bewegliche Schützentafeln, sowie zwei je 3,2 m weite, 3,2 m hohe Grundablaßschützen. Der Stau erstreckt sich bis auf 2,2 km flußaufwärts. Zur Verhütung einer Versumpfung der tiefliegenden Wiesen auf dem linken Enzufer ist ein Entwässerungsgraben und eine 35 cm weite Sickerdohle nach dem Hinterwasser des Wehres geführt. Das Wehr konnte auf den in der Mitte nur etwa 1 m unter der Flußsohle anstehenden Muschelkalkfels gegründet werden. Waren die Muschelkalkbänke auch stark zerklüftet, so konnte doch durch sorgfältige Ausführung eine vollkommene Wasserdichtigkeit der Wehrschwelle erreicht werden. Die Gründung geschah in offener, mit Larssenspundwänden umschlossener Baugrube bei gut durchzuführender Wasserhaltung. Die betonierte Absturzpritsche ist durch einen 8 cm starken Dielenbelag geschützt, während die aus Pflasterung zwischen Schwellenrost bestehende Pritschenverlängerung eine Sicherung gegen Ausspülung durch einen Schwartenbelag erhalten hat. Auf den aus Eisen gebildeten Hauptschützen sind Dammbalken aufgesetzt, die bei Eisgang besonders aufgezogen oder im Gefahrfalle durch einfache Auslösevorrichtungen rasch zum Abschwimmen gebracht werden können. Das Windwerk zum Aufzug der großen an Gallschen Ketten hängenden Schützentafeln befindet sich auf dem Mittelpfeiler. Durch eine Ausrückung kann der elektrische Antrieb auf die rechte oder linke Schütze geschaltet werden. Für den Fall des Versagens des elektrischen Antriebes sind beide Schützenaufzüge auch mit einem Handantrieb versehen. Die Schützen sind vom Mittelpfeiler aus durch eine Steigleiter zugänglich. Die Grundablaßschützen sind der Höhe nach zweiteilig, so daß die obere Hälfte der hölzernen Schützentafeln auch abgesenkt werden kann, wodurch sowohl Eisablaß wie auch Wasserspiegelregelung sich sehr leicht vollziehen. Die Aufzugvorrichtung dieser kleinen Schützen haben neben dem Handantrieb gleichfalls elektrischen Antrieb erhalten. Einer dieser Antriebe ist auch mit Fernsteuerung versehen, so daß die Schützenbewegung vom Werk aus durch Druckknopfsteuerung betätigt werden kann. Ein Fernmelder zeigt im Werk die jeweilige Stellung der Schütze an. Der Bedienungssteg über die beiden Hauptöffnungen ist in Holz ausgeführt worden. Zu dieser Bauweise führte zunächst die Sparsamkeit, denn das gesamte für den Bau notwendige Holz wurde von der Staatsforstverwaltung zu recht günstigen Bedingungen zur Verfügung gestellt und die früher erwähnte, nur 600 m unterhalb der Wehrbaustelle gelegene Sägemühle konnte sofort in den Dienst der Bauleitung gestellt werden. Die Überdeckung des Steges mit einem Ziegeldach dient sowohl der Erhaltung des Holzwerkes wie auch dem Schutze der Getriebe. Auch konnte durch die gewählte Bauweise einer mit Recht geltend gemachten Forderung des Heimatschutzes Rechnung getragen und ein Bauwerk geschaffen werden, das sich in das liebliche Landschaftsbild recht gut einfügt. Der annähernd rechtwinklig abzweigende Kanaleinlaß ist zur Abhaltung größerer Schwimmstoffe mit einer 10 cm unter den Wasserspiegel herabreichenden Hochwasserschutzwand aus Eisenbeton und mit einem Grobrechen aus 1 Zoll starken Eisenrohren versehen. Zum Abschluß dienen vier Schützen mit Lichtweiten von je 3,20 m. Der Bedienungssteg hat eine, mit dem Wehrstegüberbau zusammenhängende Überdeckung zum Schutze der Getriebe und der meist hochgezogenen hölzernen Schützentafeln erhalten. Im Anschluß an den Kanaleinlaß hat der Oberkanal zunächst eine Breite von 13,40 m und eine Tiefe von 2,20 m. Er verengert sich alsbald, während seine Tiefe entsprechend zunimmt. Nach einer Strecke von 36 m Länge, auf der er zwischen Ufermauern offen geführt ist, besitzt er eine Breite von 3,20 m und eine Wassertiefe von 3,20 m. An den Stollen schließt sich auf eine Länge von etwa 45 m wieder ein offenes Kanalprofil an, das sich vor dem Turbinenhause auf etwa 20 m verbreitert und das auch hier durchweg Ufermauern und Sohlenbetonierung erhalten hat. Das Sohlengefälle vom Stolleneinlauf bis zum Leerschuß beim Triebwerk beträgt 0,5 ‰. Das Maschinenhaus enthält die drei Drehstrom-Generatoren und ist so groß angelegt, daß es auch noch den Maschinensatz für eine künftige Pumpenspeicheranlage aufnehmen kann. Die Verhältnisse für eine solche Anlage sind insofern nicht ungünstig, als auf dem Höhenzug südlich von dem Werk 140 m über dem Oberwasserspiegel ein Hochbehälter angelegt werden kann. Nach diesem würde in Zeiten geringer Belastung namentlich in der Mittagspause und während einiger Nachtstunden Wasser hochgepumpt, das dann in Zeiten der Belastungsspitzen wieder durch Beaufschlagung einer Hochdruckturbine Arbeit leisten würde. Durch ein mit dem Oberwasser verbundenes Wasserstandsrohr und einen im Unterwasser befindlichen Schwimmer ist dem Wärter die Möglichkeit gegeben, von seinem Stande am Schaltpult aus, die Höhe der Wasserstände abzulesen. Mit dem Maschinenhause zusammengebaut ist das Schalthaus, das im Erdgeschoß Schaltpult, Schalttafel, Werkstätte, die Räume für drei Transformatoren und eine Akkumulatorenbatterie, ferner ein kleines Bureau und den Abort enthält. Im ersten Stockwerk befinden sich die Schalt- und Messzellen, im zweiten Stockwerk die Sammelschienen, im Dachraum die Blitzschutzeinrichtungen. Neben dem Werkgebäude wurde ein Wohngebäude mit drei gleich großen Vierzimmerwohnungen für die Maschinenwärter und neben diesem noch ein Nebengebäude mit Waschküche, Backofen und Kleinviehstall hergestellt. Das Werk ist für eine Wassermenge von 22 m³/Sek. ausgebaut. Nach dem Durchschnitt der 15 Jahre 1901 bis 1915 steht diese Wassermenge an 100 Tagen im Jahr zur Verfügung. Nach dem Leistungsplan beträgt die mittlere Jahresleistung 900 PS, die höchste erzielbare Leistung 1375 PS. Der mit einer Maschinenspannung von 3000 V erzeugte Drehstrom wird auf 15 000 V umgespannt und an das Netz des Gemeindeverbandes Elektrizitätswerk Enzberg abgegeben. Bei der durchschnittlichen Wasserführung der Enz könnten in 24 stündigem Dauerbetrieb insgesamt 5,5 Mill. kWh erzeugt werden. Der Entwurf der Gesamtanlage wurde vom Verfasser aufgestellt, ihm war auch die Oberleitung des Baues übertragen. Der elektrische Teil des Werkes wurde nach den Plänen und unter Leitung von Regierungsbaumeister Mössinger, techn. Direktor des Gemeindeverbandes Elektrizitätswerk Enzberg, und die Hochbauten nach den Entwürfen und unter Leitung der Architekten Regierungsbaumeister Dollinger & Fetzer, Stuttgart, ausgeführt. Die örtliche Bauleitung besorgte Baumeister Lang, Ludwigsburg. Die Ausführung der gesamten Tiefbauarbeiten und die Betonier- und Maurerarbeiten an den Hochbauten geschah durch die Firma Dyckerhoff & Widmann A.-G., Zweigstelle Karlsruhe. Von der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg wurde das Eisenwerk des Wehres, von der Maschinenfabrik J. M. Voith, Heidenheim, wurden die Turbinen, von der Maschinenfabrik Eßlingen, Werk Cannstatt, die Generatoren, von den Siemens-Schuckert-Werken die Schaltanlage und die Transformatoren geliefert und aufgestellt. Das Wasserkraftwerk um 1920
Mit freundlicher Genehmigung vom Enzkreis-Archiv (Bild Nr. 742) Das Wasserkraftwerk um 1920
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Mit freundlicher Genehmigung vom Enzkreis-Archiv (Bild Nr. 748) Und heute arbeitet das Kraftwerk immer noch ... ![]() Stauwehr, Ansicht von unten ![]() Stauwehr, Ansicht von oben ![]() Stauwehr bei Hochwasser ![]() Stauwehr bei Hochwasser ![]() Stauwehr mit Kanaleinlaß (hinten rechts) ![]() Stauwehr ![]() Stauwehr ![]() Stauwehr, im Hintergrund: Mühlhausen/Enz ![]() Stauwehr ![]() Kanaleinlaß von hinten. Von hier fließt das Wasser durch ... ![]() ... diese kleine Brücke ... ![]() ... in den Stollen. Auf der anderen Seite des Berges ... ![]() ![]() ... erblickt das Wasser nach der "Stollendurchquerung" wieder das Licht. ![]() Noch wenige Meter ... ![]() ... liegen vor dem Wasser, bevor es ... ![]() ... durch einen Rechen in die Turbinen im Triebwerkgebäude gelangt. ![]() Generatoren im Triebwerkgebäude - Foto mit freundlicher Genehmigung der EnBW ![]() Nach getaner Arbeit ... ![]() ... fließt das Wasser ... ![]() ... in einer ... ![]() ... scharfen Rechtskurve wieder zurück in die Enz. ![]() Triebwerkgebäude mit Schalthaus ![]() Triebwerkgebäude - Schalthaus - Wärterwohnhaus - Nebengebäude ![]() Schalthaus, Ansicht von hinten ![]() Wärterwohnhaus ![]() Nebengebäude, damals mit Waschküche, Backofen und Kleinviehstall ![]() Triebwerkgebäude mit Schalthaus, Ansicht von hinten ![]() Triebwerkgebäude mit Schalthaus
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